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[HowTo] Signal-, Raum- & Lautsprecherkorrektur - Guide zu EQ, Ringing, GD und Delay - FIR oder IIR Filter

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#1

Beitrag von Jobsti »

Ist FIR besser als IIR, wann nutzen wir am besten welchen EQ und wieso?

Wenn wir Signale bearbeiten, sei es um
- Frequenzgang des Lautsprecher zu korrigieren
- Raumkorrekturen (Studio, HiFi, Kino, VA)
- oder auch in der Produktion (Studio)
stellen wir uns oft die Frage:
Welchen EQ nehme ich denn nun am besten?

Um das ein klein wenig besser zu verstehen und die Entscheidungen zu vereinfachen,
gibt's nun hier eine kompakte, praxisnahe Erklärung für euch ;)


Delay vs. IIR oder FIR:

Ein FIR (linear-phasig) hat viele Vorteile, erhöht aber die Latenz (Delay) des gesamten Signals und frisst oft ordentlich CPU-Last,
je tiefer die Frequenz, desto weniger sinnvoll werden FIR-Filter.

Das durch einen einfachen IIR EQ erzeugte "Delay" ist, wenn man net völlig ausrastet, verschwindend gering und zu vernachlässigen, da wirkt ein steiler Filter wesentlich mehr.
Ein IIR ist für eine Erhöhung der Gruppenlaufzeit (Frequenzabhängig) verantwortlich
und entspricht somit keinem klassischen Delay, ist also völlig anders zu bewerten.

EQ sorgen für sogenanntes Ringing*, welches ebenfalls nicht so tragisch ist,
solange man hier keine massiv großen Eingriffe (vor allem mega schmalbandig) vornehmen muss,
dennoch gilt allgemein die Regel: Lieber EQ ziehen statt reinschieben, gerade was Ringing betrifft.

Primär wenn Transienten wichtig sind, nutzen wir lieber IIR statt FIR (linear-Phase),
da post-Ringing wesentlich natürlicher klingt als Pre-Ringing (was auch massiv CPU frisst).

Der beste Weg wären hier Mixed-Phase-Filter: IIR im Bassbereich und obenrum dann FIR.
Das nutzen auch moderne DSP teilweise schon so.


* Ringing bezeichnet das künstliche Nachschwingen eines Filters,
nachdem der eigentliche Ton oder Anschlag bereits vorbei ist.
Es entsteht physikalisch durch die Phasenverschiebung des EQs, welche die zeitliche Hüllkurve des Signals verändert.
Je schmalbandiger (hoher Q-Faktor) oder steiler ein Filter eingestellt ist, desto länger und hörbarer zieht der EQ diese betroffene Frequenz in die Länge.


Damit wir uns überhaupt was in Zahlen vorstellen können, werfen wir mal zwei davon ein.
Beispielsweise ein 60Hz Q3.0 -3dB EQ, wird eine negative Gruppenlaufzeit von ca 7ms bewirken.
Ein Shelfing EQ mit 12dB/Okt. dagegen eher nur 1,2ms (deswegen auch super für Raumwinkelkorrekturen im Bass)


Das Wichtigste zusammengefasst:
• Linear-Phase (FIR):
Phase perfekt gerade, dafür künstliches Pre-Ringing im Bass und hohe Gesamtlatenz.

• Minimum-Phase (IIR):
Phase wird verschoben, dafür absolut kein Pre-Ringing (dafür Post), belassen Transienten knackig und haben quasi 0 Systemlatenz.

• Minimum-Phase FIR-Filter:
Nutzt die mathematische Freiheit eines FIR-Filters, wird aber so programmiert, dass das Pre-Ringing komplett verschwindet und es sich bezüglich Latenz, Phase und natürlichem Post-Ringing exakt wie ein IIR-Filter verhält.
FIR steckt also quasi nur im Namen 😉 (Verursacht im Gegensatz zum IIR aber höhere CPU-Last)


• Kleine Erklärung zur Gruppenlaufzeit und Zeiten:
Die Gruppenlaufzeit ist eine Phasenverformung und kein klassisches "Delay auf dieser Frequenz".
Ein (hypothetisch) klassisches Delay würde die entsprechende Frequenz, völlig unverändert um z.B. genau 7ms verzögern.
Die GD (Group Delay im englischen) verbiegt dagegen die Phase, quasi um die Lautstärke zu ändern, die Hüllkurve wird gestaucht.

Unser Gehör reagiert extrem empfindlich auf echte Zeitverzögerungen (Ortung von Schallquellen, Haas-Effekt).
Eine frequenzabhängige Gruppenlaufzeit eines EQs nehmen wir hingegen bei üblichen Werten
(wie den ~7 ms bei dem 60Hz EQ) überhaupt nicht als Verzögerung wahr.
Da es sich im Bassbereich abspielt und die Wellenlängen dort ohnehin riesig sind, merkt das Gehirn die Phasenverschiebung im Grunde gar nicht.
Das Einzige, was man bei extremen EQ-Boosts hört, ist ein „weicher“ oder „schwammiger“ Bass,
weil die Frequenz künstlich verlängert wird, die Betonung liegt hier aber auf extrem 😉

Beim EQ-Ziehen hingegen kann das Signal dafür noch trockener wirken, da es quasi viel schneller abklingt,
Transienten bleiben allerdings erhalten, übertreibt man es könnte der Bereich stattdessen "steril" wirken.

Kurzum:
Bissel EQ macht hörtechnisch sehr wenig aus, oftmals nicht mal wirklich hörbar,
übertreibt man es aber, sieht die Sache anders aus 😉

Es bleibt aber die Regel: Lieber EQ ziehen, als was reinzuschieben.



• Um das Ganze mal an einem konkreten Praxisbeispiel aufzuzeigen:

Nehmen wir an, wir haben eine fette Raumüberhöhung (oder durch Raumwinkel) unserer Studiomonitore
bei 45 Hz von +4 dB.
Wie reagieren verschiedene EQ-Arten im Zeitbereich darauf?

• Methode A:
Der klassische IIR-Peak-EQ (45 Hz, Q3, -4dB)
- Verhalten: 0 ms System-Latenz,
aber eine negative Gruppenlaufzeit (GD) von ca. -7 bis -9 ms direkt bei 45 Hz.
- Effekt: Sehr präzise.
Da es ein Cut ist, wirkt die negative GD dem Nachhall des Raums entgegen. Der Bass wird knackiger und trockener.


• Methode B:
Der IIR-LowShelf (30 Hz, 18 dB/Okt, -8dB)
- Verhalten: Ebenfalls 0 ms System-Latenz,
aber die Phase wird so fließend gebogen, dass bei 45 Hz fast gar keine Gruppenlaufzeit entsteht (nur ca. -1 bis -2 ms).
- Effekt: Maximal phasenschonend und extrem unauffällig. Allerdings senkt ein Shelf breitbandig ab,
er zieht also auch Frequenzen mit runter, die vielleicht gar kein Problem waren,
dafür kann das eine Lösung für alles unterhalb einer Frequenz sein.
Dieses Beispiel wäre für quasi die unterste Frequenz die Probleme macht, unsere Box spielt aber gar nicht unterhalb 45Hz (also unterhalb der Erhöhung), somit setzen wir den Shelf tiefer an, damit er oberhalb der 45Hz gar nicht mehr viel tut und wir quasi mit dessen Rolloff absenken (deswegen auch -8dB als Beispiel)


• Methode C:
Der FIR-EQ (Linear-Phase)
- Verhalten: 0 ms Gruppenlaufzeit (die Phase bleibt perfekt gerade),
dafür sorgt er aber für eine massive System-Latenz (oft weit über 50 ms im Bassbereich).
- Effekt: Im tiefen Bassbereich die absolut falsche Wahl.
Um bei 45 Hz zu greifen, erzeugt FIR hier ein extrem langes, unnatürliches Pre-Ringing.
Die Kick-Drum verliert völlig ihren Punch und "schmiert" von vorne an.
Zudem verzögern wir das gesamte Signal, was zu Problemen bei genauen Arbeiten in der DAW führen kann,
oder im Beispiel Heimkino: Wir müssten unser Bildsignal verzögern.

Hintergrund zur Rechenleistung (Taps):
Die Frequenzauflösung eines FIR-Filters ist fest an die Samplerate und die Anzahl der Berechnungs-Punkte (Taps) gekoppelt:
Auflösung = Samplerate / Taps.
Um bei einer Standard-Samplerate von 48 kHz im Bassbereich eine saubere Trennung von z. B. nur 5 Hz zu erreichen,
benötigt das Filter knapp 10.000 Taps, das frisst massiv Rechenleistung und erzeugt zwangsläufig die enorme Latenz.



• Praxisnahe Auswirkungen/Hörbereich

Im tiefen Bassbereich unter 100 Hz ist das menschliche Gehör extrem tolerant gegenüber Phasenverschiebungen.
Als wissenschaftlich und praktisch anerkannte Hörbarkeitsschwelle** für positive Gruppenlaufzeiten gilt im Bassbereich ein Wert von ca. 10 bis 20 Millisekunden.

Als grobe, praxisnahe Faustregel in der Akustik gilt:
Das Group Delay (GD) wird meistens dann hörbar, wenn es die Dauer von 1 bis 2 vollen Schwingungszyklen (Periodendauern) der jeweiligen Frequenz überschreitet.

**
Blauert & Laws - Verzögerungen bei der Gehörwahrnehmung
Dr. Anselm Goertz - Studien aus 2001
Aalto-Universität & Genelec - AES: Audibility of Loudspeaker Group-Delay Characteristics
Dick Mitchell - Psychoakustische Studien für Lautsprechergehäuse



Genauere Beispiele diesbezüglich:

- Bei 200 Hz:
Die Periodendauer beträgt nur 5 ms.
Das GD wird hier bereits ab ca. 2 bis 3 ms (im realen Raum aber eher ab ca. 4 bis 5 ms) als unpräziser wahrgenommen. Je höher die Frequenz, desto empfindlicher reagiert unser Gehör auf Phasenfehler, da das Timing im Grundtonbereich (z. B. Snare/Toms, E-Bass Obertöne oder der untere Bereich der Männerstimmen) extrem wichtig für das Gehirn ist.
Ein negativer IIR EQ kann hier ein Geheimtipp sein um das Signal "straffer" zu machen, damit dieser Bereich weniger in den Vordergrund tritt.

- Bei 100 Hz:
Die Periodendauer beträgt 10 ms. Das GD wird ab ca. 10 bis 15 ms wahrnehmbar.

- Bei 50 Hz: Die Periodendauer beträgt 20 ms. Das GD wird ab ca. 20 bis 30 ms als "weicher" oder unpräziser wahrgenommen.

- Bei 30 Hz: Die Periodendauer beträgt ca. 33 ms. Hier liegt die Schwelle oft erst bei über 40 bis 50 ms.


Mit dieser "Faustregel" kann man also flott überschlagen, welchen EQ wir wo und wieviel setzen können,
bis es wirklich klanglich kritisch wird.
Je höher der Gain des EQ, oder je schmalbandiger, desto kritischer wird's.

Regel:
Je Verdopplung des Gain (in dB), entspricht auch einer Verdopplung der Gruppenlaufzeit. (3dB auf 6dB, 6dB auf 12dB, 12dB auf 24dB)



• Gültigkeit der EQ in Produktion, Mastering und Live-Sound:

Die physikalischen Gesetze von FIR- und IIR-Filtern enden nicht bei der Lautsprecherbox,
sondern bestimmen maßgeblich die Signalästhetik in der Musikproduktion:

Im Live-Mixing regiert ausnahmslos der IIR-EQ.
Da hier jede Millisekunde Latenz zu Timingproblemen und Irritationen beim In-Ear-Monitoring führt,
sind die 0 ms Systemlatenz von IIR überlebenswichtig.
Phasenverschiebungen im Bass fallen live ohnehin nicht ins Gewicht.

Im Studio-Mixing (auf Einzelspuren) wählen wir den EQ nach dem Signaltyp.
Für alles, was „knallen“ und drücken muss (Transienten wie Kick, Snare, perkussive Instrumente), nutzen wir IIR,
um den harten Anschlag nicht durch Pre-Ringing zu verschmieren.
FIR (Linear-Phase) ist hingegen ein mächtiges Werkzeug für Stereo-Mikrofonaufnahmen (z. B. Overheads, Chor),
um das Phasenverhältnis zwischen den Kapseln und damit das Stereobild absolut stabil zu halten.

Im Mastering ist der FIR-EQ bei feinen, breitbandigen Anpassungen die erste Wahl,
da er die mühsam im Mix erarbeitete Tiefenstaffelung und das Stereo-Dreieck nicht durch Phasenbiegungen verzerrt.

Beim Live-Streaming (OBS, Twitch, YouTube, Broadcast) nutzen wir für Stimmen ebenfalls primär IIR-Filter.
Da das Mikrofonsignal lippensynchron zum Kamerasignal bleiben muss, würde das Pre-Ringing und die Latenz von FIR-Filtern im Tief- und Grundtonbereich zu einem hörbaren Versatz zwischen Ton und Bild führen.
Zwar kann man in OBS ein Video-Delay bestimmen, mit IIR-Filtern umgeht man diese Fehlerquelle aber von vornherein komplett.
Ein mächtiges Werkzeug kann dagegen ein FIR Rauschfilter sein (Z.B. Reaper Freeware Plugins ), hierfür lohnt es sich das Bild zeitlich entsprechend zu verzögern.
Wie auch bei Live gilt hier Vorsicht bei anderen Plugins mit z.B. "Look-Ahead" Funktionen,
oder allem wo "Pre" davor steht, diese verzögern oft ebenfalls das Audiosignal. (Gates oder Kompressoren)



• Speziell zur Raumkorrektur:

Warum man Frequenzauslöschungen eher nicht anheben sollte:

Wenn man seinen Raum misst und bei z. B. 60 Hz ein tiefes Loch (einen Dip) im Frequenzgang sieht,
ist der erste Impuls oft: "Da hebe ich einfach mit einem EQ um +6 dB an, dann misst sich das wieder flat!"

Ein solcher Dip entsteht im Raum fast immer durch Auslöschungen (Phasendrehungen durch Reflexionen von Wänden oder Decke).
Wenn man an dieser Stelle mehr Energie in den Raum schiebt, erhöht sich an der Wand auch die Energie der Reflexion,
das Loch bleibt physikalisch exakt gleich tief.

Das Einzige, was man damit erreicht:
Man bringt die Endstufe ans Limit (Merke: Je +3dB = Jeweils doppelte zugeführte Leistung)
und erzeugt durch den massiven positiven Gain ein extrem hohes Group Delay (mit hohem Post-Ringing).
Der Bass wird an anderen Stellen im Raum völlig schwammig, während am Hörplatz das Loch quasi bestehen bleibt.

Regel: Raummoden (Spitzen) zieht man per IIR-Cut(EQ rausziehen) flach.
Auslöschungen (Löcher/Dips) ignoriert man per EQ komplett und bekämpft sie ausschließlich durch Umstellen der Boxen/Subwoofer oder durch akustische Dämpfung.
Mit Frequenzen darüber ist das zwar wesentlich unkritischer, aber auch hier sollte man die Regel weitestgehend beachten,
ein kleines Loch kilngt oft besser, als wenn dieses geglättet wird, auch wenn die Messung dann net so prickelnd ist.



Raum-Korrektur vs. Lautsprecher-Korrektur:

Man muss strikt trennen, WAS man korrigiert:

1. Der Lautsprecher an sich:
Wenn die Box ab Werk einen unsauberen Frequenzgang hat, korrigiert man das im Freifeld idealerweise mit einem FIR-Filter (Linear-Phase).
Da das Pre-Ringing bei höheren Frequenzen (Mitten/Höhen) extrem kurz ist, überwiegt hier der Vorteil der perfekten Phase.


2. Der Raum (unterhalb der Schröderfrequenz / im Bass):
Hier kämpfen wir gegen die Physik des Raumes (Moden).
Da der Raum selbst wie ein IIR-Filter nachschwingt (Resonanz), ist der IIR-Cut das mathematisch perfekte Werkzeug,
weil er zeitlich und tonal exakt invers zum Raum arbeitet.


3. Das Gesetz der ersten Wellenfront (Präzedenz-Effekt):
Bei einer Raumkorrektur per Mikrofon müssen wir die Psychoakustik im Hinterkopf behalten.
Unser Gehör besitzt eine zeitliche Fensterung:
Es wertet den eintreffenden Direktschall (die erste Wellenfront) getrennt von den späteren Raumreflexionen aus.
Dadurch können wir die Klangfarbe des Lautsprechers und die Richtung der Ortung stabil wahrnehmen,
selbst wenn der Raum drumherum mitklingt.

Ein normales Messmikrofon kann das allerdings nicht ohne Weiteres.
Vor allem einfache, automatische Einmesssysteme summieren starr das kombinierte Ergebnis aus Raum und Direktschall über einen längeren Zeitraum auf.

Was passiert also bei einer rein amplitude-basierten Korrektur via EQ?
Wir verbiegen den Direktschall des Lautsprechers künstlich, damit die Summe aus verbogenem Direktschall und Raumreflexionen am Mikrofonplatz mathematisch wieder eine gerade Linie ergibt.

Das Problem dabei:
Da unser Gehör den Direktschall separat auswertet, hören wir nun einen verfälschten Lautsprecher!
Die Ortung leidet und der Klang wird oft massiv verfärbt.

Deshalb gilt die goldene Regel:
Je höher die Frequenz, desto weniger sollte man den Raum per EQ korrigieren.
Ab dem Mitteltonbereich bekämpft man Reflexionen ausschließlich physisch (Early Reflections bedämpfen/diffundieren).
Elektronische EQs sind primär im Tiefbass (unterhalb der Schröderfrequenz) die beste Wahl,
da der Raum dort im Zeitbereich so extrem lange mitschwingt,
dass Direktschall und Raumklang für das Gehör verschmelzen.


Mein Tipp für die Praxis:
Reine Raummoden (Dröhnfrequenzen im Bass) kann man via IIR-EQ wunderbar zähmen.
Alles, was darüber hinausgeht, insbesondere die Early Reflections im Mittel- und Hochtonbereich,
sollten wir definitiv akustisch oder mechanisch in den Griff bekommen (Lautsprecher umstellen, Ausrichtung anpassen, Absorber und/oder Diffusoren).

Hinweis zu extrem nahen Flächen (z. B. der Schreibtisch oder die Reflexionen bei Eckaufstellung):
Befinden sich reflektierende Flächen extrem nah an der Box, ist der zeitliche Abstand der Reflexion so winzig,
dass unser Gehirn sie rein von der Ortung her kaum noch vom Direktschall trennen kann.
Das Problem hier ist jedoch kein Nachhall, sondern ein Kammfilter-Effekt (Auslöschungen und Peaks im Frequenzgang), der den Klang verfärbt.
Der beste Weg ist und bleibt hier zwar die mechanische Optimierung (Ausrichtung oder Absorber).
Dennoch kann man hier, wie ich finde, ebenfalls sehr gut den EQ ansetzen, zumindest, wenn man gezielt störende Peaks "zieht",
um den Entsprechenden Frequenzen die nervige Energie zu nehmen.



Ergänzende Informationen zur räumlichen Gültigkeit (Hörplatz vs. Raum):

Jede elektronische Raumkorrektur per EQ ist immer eine rein ortsspezifische Optimierung für eine ganz bestimmte Hörposition, den sogenannten "Sweet Spot".

Während das Korrigieren von sehr nahen Erstreflexionen (Early Reflections) über einen gewissen Bewegungsradius klappt,
verhält es sich mit fast allen anderen raumbedingten Korrekturen genau umgekehrt:

- Im Bassbereich (Raummoden):
Zieht man eine schmalbandige Mode für die Haupt-Hörposition perfekt glatt,
kann sich dieser Eingriff an einer anderen Stelle im Raum (z. B. zwei Meter hinter dem Sofa, oder seitlich daneben) dagegen auch negativ auswirken.
Dort entsteht durch den EQ plötzlich ein tiefes Loch, oder eine dortige Anhebung wird noch weiter verschlimmert,
was im schlimmsten Fall dann sogar noch Dinge im Raum weiter mit anregen könnte (Z.B. klappernder Schrank).

- Im Mittel- und Hochtonbereich:
Hier sind die Wellenlängen winzig (bei 5 kHz nur ca. 7cm).
Versucht man hier raumbedingte Reflexionen per EQ auszugleichen,
reicht manchmal schon eine kleine Kopfbewegung um wenige Zentimeter, damit die Korrektur fehlschlägt.
Zudem verbiegt man damit den Energiefrequenzgang des Lautsprechers für den restlichen Raum komplett.

Fazit:
Je höher die Frequenz und je schmalbandiger der EQ-Eingriff, desto kleiner wird die Zone, in der es gut klingt.
Im Mittel-/Hochton korrigiert man per EQ daher ausschließlich den Lautsprecher selbst (Freifeld) und am besten nicht die Kombination aus Lautsprecher und Raum, vor allem nicht bei mehreren Hörpositionen.
Also eine glasklare Empfehlung für Raumanpassungen, wie z.B. Absorber.


Zusatz-Anmerkung für die High-End-Fraktion:

Ein drastisch minimiertes Hörplatzproblem im Bass bietet übrigens das relativ neue
Dirac Live ART (Active Room Treatment).
Das System arbeitet nicht als klassischer, statischer EQ, sondern nutzt echtes Multi-Speaker-Processing:
Andere im Raum vorhandene Lautsprecher und Subwoofer senden zeitlich exakt berechneten Gegenschall aus,
um Raummoden und Auslöschungen aktiv im Raum zu eliminieren.
Aber da bewegen wir uns softwareseitig natürlich in einer völlig anderen Preis- und Hardwareliga.

Die ganzen Vor- und Nachteile (wie mechanische und thermische Belastung, MaxSPL-Einbußen) davon,
als auch was es zu beachten gilt, würden hier allerdings das
Thema bei weitem sprengen, das soll hier also nur eine Randnotiz darstellen.



Physische Alternativen für den Bassbereich (SBA / DBA / Multisub):
Da elektronische EQs das grundlegende Problem der raumbedingten Druckverteilung und Nachhallzeiten im Tiefbass
konstruktionsbedingt nicht perfekt lösen können,
gibt es neben Software-Sonderlingen wie Dirac ART noch weitere klassische, physische Konzepte,
um den Bass im gesamten Raum trocken zu bekommen,
3 als Beispiel:


- SBA (Single Bass Array):
Ein Verbund aus mehreren Subwoofern an der vorderen Wand, der eine ebene Schallwelle erzeugt.
Das verhindert bereits Reflexionen an den Seitenwänden und der Decke,
die Rückwand des Raumes muss jedoch massiv physisch bedämpft werden (z. B. mit 0,5m oder mehr an z.B. Steinwolle),
um die rückwärtige Reflexion komplett zu schlucken.
Vorteil: Maximaler Pegel und extrem viel Dynamik durch die perfekte, gerichtete Wellenfront an der Frontwand.
Nachteil: Die Rückwand des Raumes muss massiv physisch bedämpft werden, um die rückwärtige Reflexion komplett zu schlucken. Kostet zudem richtig Platz.


- DBA (Double Bass Array):
Ein sehr gute Lösung. Identische Subwoofer(-Arrays) an Vorder- und Rückwand.
Das vordere Array gibt den Bass ab, das hintere Array gibt das Signal dann jedoh zeitverzögert und phasengedreht ab
und "saugt" die Welle quasi ab, bevor sie von der Rückwand reflektiert werden kann,
die Raummode wird damit physikalisch komplett eliminiert.
Vorteil: Raummoden werden physikalisch im gesamten Raum komplett eliminiert, was zu einem trockenen, nahezu perfekten Bass auf allen Plätzen führt.
Nachteil: Man benötigt die doppelte Anzahl an identischen Subwoofern und dedizierten Controllerkanälen,
während das hintere Array quasi keinen zusätzlichen Pegel liefert.


- Multisub-Konzept (z. B. nach Welti / Geddes):
Das gezielte Verteilen von mehreren ungleichen Subwoofern an unterschiedlichen Positionen im Raum (z. B. in vier Ecken oder Wandmitten).
Durch die unterschiedlichen Anregungspunkte mitteln sich die Moden und Löcher gegenseitig am Hörplatz aus,
was für einen sehr gleichmäßigen Bass über mehrere Sitzplätze sorgen kann.
Vorteil: Sehr gleichmäßiger Bass über mehrere Sitzplätze mit flexibler Aufstellung, ohne dass die Rückwand zwingend tonnenweise Dämmmaterial benötigt.
Nachteil: Das System eliminiert den Nachhall im Raum nicht aktiv, sondern mittelt nur die Amplitudenfehler heraus, was die Einmessung extrem aufwendig macht.



Fazit:
All diese Konzepte setzen im Gegensatz zum reinen EQ an der physikalischen Ursache (der Wellenausbreitung im Raum) an.
Da Planung, Messtechnik, Budget und Raumkomplexität hierbei jedoch in einer ganz eigenen Liga spielen,
belassen wir es auch hier bei dieser kurzen Übersicht für die Vollständigkeit.



• Kleine Fachbegriff-Erklärung für den Einsteiger, damit Googlen entfällt:

- Transienten:
Die extrem kurzen, lautstarken Einschwingvorgänge am Anfang eines Tons (z. B. der harte Anschlag einer Kick-Drum oder Snare), die entscheidend für die "Knackigkeit" und Dynamik verantwortlich sind.

- Kammfilter-Effekt: Wenn Direktschall und eine zeitversetzte Reflexion (z. B. vom Schreibtisch) aufeinandertreffen, löschen sich bestimmte Frequenzen aus, während andere verdoppelt werden, das zusammen verbiegt dann den Frequenzgang.

- Gruppenlaufzeit (Group Delay):
Beschreibt die zeitliche Verzögerung von Audiosignalen in Abhängigkeit von der Frequenz. Ein hoher Wert bedeutet, dass bestimmte Tonhöhen künstlich in die Länge gezogen werden.

- SEO (Schallentstehungsort):
Der virtuelle Punkt auf dem Lautsprecherchassis, an dem der Schall tatsächlich erzeugt wird. Für ein perfektes Timing sollten die SEOs von Hoch- und Tieftöner exakt auf einer zeitlichen Ebene liegen.
Liegt im Regelfall nicht auf der Membran oder Dustcap, sondern oft mittig der Schwingspule

- Schröderfrequenz:
Die magische Grenze im Raum (oftmals zwischen 100 und 250 Hz), unterhalb derer sich der Schall nicht mehr wie üblich ausbreitet, sondern als (störende) Raummoden (Stehwellen).

- Raummoden (Stehende Wellen):
Schallwellen im Bassbereich, die exakt zwischen zwei parallele Wände passen und sich dort aufschaukeln, das führt im Raum zu extremen, ortsabhängigen Überhöhungen und Auslöschungen.

- Druckkammer-Effekt (Room Gain):
Sobald die Schallwellen im Bass größer sind als die größte Raumdiagonale, kann sich keine normale Welle mehr ausbreiten. Der Raum wirkt dann wie eine geschlossene Kammer, in der die Box den Luftdruck direkt erhöht, was zu einer enormen Pegelerhöhung in diesem Frequenzbereich führt.

- Array (Lautsprecher-Array):
Die gezielte Anordnung und Verschaltung von mehreren identischen Lautsprechern oder Subwoofern zu einer Gruppe.
Durch das Zusammenspiel der einzelnen Gehäuse verhält sich der Schall völlig anders als bei einer einzelnen Box:
Er bündelt sich, löscht sich in ungewollte Richtungen aus oder bildet, wie beim SBA oder DBA im Bassbereich,
eine einzige, gleichmäßige und flache Wellenfront, die wie eine massive Schallwand durch den Raum wandert.






Ich hoffe mit diesem kurzen Beitrag konnte ich einigen weiterhelfen den passenden EQ für die jeweilige
Anwendung zu finden, was vor allem im Thema "Raumkorrektur" wichtig sein dürfte.


• Wie sind eure Erfahrungen mit entsprechenden EQ, besonders bei der Raumkorrektur? (Vor allem im Studio)
• Wie seht ihr das im Bereich Produktion?
• Sehr spannend wird das Thema auch im Bereich Live-Mixing? (Auch wenn man da eher selten FIR hat, aber heute wird auch gerne extern Signal bearbeitet und wieder zurückgeführt)


Gerne können wir das Thema auch etwas vertiefen wenn spezielle, weitere Fragen anstehen sollten.



Changelog:


- Hinzugefügt "Kleine Fachbegriff-Erklärung für den Einsteiger, damit Googlen entfällt"
- Physische Alternativen für den Bassbereich (SBA / DBA / Multisub)
- "Array" unter Fachbegriff-Erklärung hinzugefügt
- Neuer Punkt "Gültigkeit der EQ in Produktion, Mastering und Live-Sound"
- Unter Methode C hinzugefügt: "Hintergrund zur Rechenleistung (Taps)"


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Beitrag von Jobsti »

Updates:
- Hinzugefügt "Kleine Fachbegriff-Erklärung für den Einsteiger, damit Googlen entfällt"
- Physische Alternativen für den Bassbereich (SBA / DBA / Multisub)
- "Array" unter Fachbegriff-Erklärung hinzugefügt
- Neuer Punkt "Gültigkeit der EQ in Produktion, Mastering und Live-Sound"
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